Aus dem Institut

des Max-Planck-Instituts für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie

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Wo das Recht sichtbar wird

3. September 2026

Daniel Damler sucht das Normative dort, wo es sich nicht als Recht zu erkennen gibt, wo es räumlich und bildlich wird. Für seine Forschungsprojekte blickt von den Sitzungszimmern von Vorständen und Aufsichtsräten auf das Recht in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Architektur und deutet die fiktive Welt Gotham Citys als visuelles Signet des Ausnahmezustands. Sein jüngstes Projekt gilt Gonzalo Fernández de Oviedo (1478 bis 1557), Chronist der Conquista, Höfling und Notar, den Alexander von Humboldt als Plinius der Neuen Welt verehrte. Wir haben ihn gefragt, woran sich entscheidet, ob ein unkonventioneller Gegenstand rechtshistorisch trägt. Und was ein Forschungsprojekt gewinnt, wenn es seine Ergebnisse als Roman veröffentlicht.

In den italienischen Territorien von Neapel und Mailand war im 18. Jahrhundert das Justizwesen ein zentrales Feld von Reformbestrebungen, mit denen die Gerichte stärker in den Machtbereich der jeweiligen Territorialfürsten integriert werden sollten. Anhand von je drei Reformvorhaben zeichnet Band 354 der Studien zur europäischen Rechtsgeschichte die institutionellen Veränderungen von Gerichten nach. Er rekonstruiert diese Reformen als historisch offene Aushandlungsprozesse und eröffnet damit einen neuen Blick, der der Vielschichtigkeit dieser Prozesse Rechnung trägt. Die Untersuchung zeigt, dass diese Justizreformen nicht das Werk einzelner „aufgeklärter“ Herrscher waren, sondern Ausdruck eines institutionellen und gesellschaftlichen Ringens unterschiedlicher Akteure um Macht und Einfluss auf die Gerichte.
 

The School of Salamanca has been hailed as the cradle of international law and criticised as a legal fig leaf for empire. Our director Thomas Duve argues that both accounts tend to reduce the School to its contribution to international law and overlook the authors who espoused the same ideas in Mexico, Córdoba or the Philippines. Moreover, the authors in Salamanca were part of a larger discourse. He and his department have held this view for years; recently he explained it to a wider audience in El Mundo, a leading Spanish daily.

Im Band 2 der Studien zur Rechstheorie geht es um Hermann Kantorowicz. Er war ein herausragender Rechtswissenschaftler in den turbulenten ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und ein führender Vertreter der „Renaissance“ der Rechtsphilosophie in Deutschland. Er formulierte erstmals eine Theorie des „freien Rechts“ in „Kampf um die Rechtswissenschaft“ (1906), seinem kühnen Angriff auf die orthodoxe Rechtswissenschaft.

Erica Kim Ollikainen-Read untersucht, wie der „Mythos der Magna Carta“ nach Indien gelangte und vom indischen Volk in seinem Kampf gegen Großbritannien als Kolonialmacht neu interpretiert wurde. Insbesondere geht es um die Proklamation von Königin Victoria aus dem Jahr 1858 an die „Prinzen, Häuptlinge und das Volk von Indien“. Diese wurde von Zeitgenossen damals als „Indiens Magna Carta“ angesehen und wurde in jüngerer Zeit als „verfassungsrechtlicher Vorläufer“ der modernen Verfassungsgeschichte Indiens erforscht. 

Eine Marke hatte einst eine Aufgabe: zu sagen, wer ein Produkt herstellt und was man erwarten darf. Warum verhält sie sich heute wie Eigentum? Parand Yaghubi zeichnet nach, wie Gerichte und Gesetzgeber den Markenschutz ins Eigentumsähnliche ausweiteten, und stellt die größere Frage dahinter: Wann lässt sich eine solche Ausweitung des rechtlichen Schutzes überhaupt rechtfertigen?

Von Weimar nach China

11. Mai 2026

Band 28 der Global Perspectives on Legal History verfolgt am Beispiel der sozialen Rechte die lange Reise der Weimarer Reichsverfassung nach China. Diese globale Rechtsgeschichte erzählt, wie chinesische Juristen und Gesetzgeber die Sprache der Verfassung nutzten, um Projekte gesellschaftlichen Wandels im 20. Jahrhundert zu konzipieren. Fupeng Li zeichnet die Wege nach, auf denen die deutsche Staatsrechtslehre und das Konzept der sozialen Rechte aus der Weimarer Verfassung in chinesischen Debatten aufgenommen wurden.

Der von Erk Volkmar Heyen gestiftete „Förderpreis europäische Verwaltungsgeschichte“ wendet sich an Nachwuchswissenschaftler*innen. Er verbindet die Würdigung bereits erbrachter Forschungsleistungen mit der Anregung eines neuen Forschungsprojekts. Preisträgerin des Jahres 2025/26 ist Dr. Cosima Götz. Ausgezeichnet wird sie für ihre im Wallstein Verlag erschienene Dissertation „Metropolen im Wettbewerb. Stadtplanung und Stadtgesellschaften 1890–1940“. Ausgangspunkt der Studie ist die um 1900 weit verbreitete Überzeugung, dass gesellschaftliche Zukunft im und über den städtischen Raum zu gestalten sei.

Der neue Band unserer Policey-Reihe erschließt anhand bislang unbeachteter Akten der Obersten Justizstelle die Strafjustiz im habsburgischen Vormärz. Im Mittelpunkt stehen Kriminalität und Devianz in Tirol und Vorarlberg sowie die Vorurteile Wiener Räte gegenüber der Bevölkerung des „italienischen Theils von Tyrol". Der Band verbindet rechtshistorische mit kriminalitäts- und diskursanalytischen Ansätzen und öffnet damit ein Fenster in den Alltag des frühen 19. Jahrhunderts.

Jan Schröders Recht als Wissenschaft gilt seit seinem Erscheinen als Referenzwerk der juristischen Methodengeschichte. Ein neuer Kommentarband, herausgegeben von Marietta Auer, Stefan Vogenauer, sowie Ralf Seinecke nimmt nun die zentralen Thesen dieses Klassikers kritisch in den Blick: Welche Epochengrenzen setzt er, welche Narrative werden gewählt und welche Alternativen werden ausblendet?

In Bd. 351 der Studien zur europäischen Rechtsgeschichte zeichnet Reinhard Zimmermann ein anschauliches Porträt von Leben, Werk und Wirken Ernst Heymanns (1870–1946): vom preußisch geprägten Germanisten und Rechtshistoriker, der 1914 als Nachfolger Heinrich Brunners den repräsentativsten Lehrstuhl für Rechtsgeschichte germanistischer Prägung an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität übernahm, bis zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht, das er – als Nachfolger des von den Nationalsozialisten zur Aufgabe gezwungenen Ernst Rabel – von 1937 bis zu seinem Tod 1946 leitete.

Google, Amazon, Microsoft: drei Konzerne, die heute mehr Infrastruktur kontrollieren als die meisten Staaten regulieren können. Anselm Küsters nennt das Verhaltensmacht – und hat in seinem neuen Buch Small is beautiful 2.0 ein Gegenprogramm entwickelt: Open Source, dezentrale Plattformen, eine Wettbewerbstheorie, die Demokratie als Schutzgut ernst nimmt. Die zentrale Frage seines Buchs: Kann Europa einen dritten Weg gehen – jenseits amerikanischer Skalierungslogik und chinesischer Staatskontrolle? Ein Gespräch darüber, warum E.F. Schumacher aktueller ist als je zuvor.

In Bd. 350 der Studien zur europäischen Rechtsgeschichte untersucht Tim Knoche den Rechtsbegriff albacea des spanischen Código Civil als Ergebnis einer mehrstufigen Rechtsrezeption: vom islamischen waṣī über die mozarabische und kastilische Urkundenpraxis Toledos bis zur binnenkastilischen Verbreitung, exemplarisch belegt für das spätmittelalterliche Sevilla.

Deutschland hält sich für familienpolitisch modern. Doch spätestens beim Erben endet diese Modernität, schreibt unsere Direktorin Marietta Auer in der aktuellen Rechtskolumne des Merkur: Das deutsche Erbrecht wirft uns unnachgiebig in die bürgerliche Welt der 1950er Jahre zurück. Ihre Analyse legt offen, wie sehr das geltende Recht und die Rechtsprechung an veralteten Idealen hängen: Die Familie als Kollektiv. Besonders scharf kritisiert Auer die steuerliche Behandlung von Erben außerhalb der Kernfamilie.

Bd. 332 der Studien zur europäischen Rechtsgeschichte widmet sich der Ausdifferenzierung der deutschen Rechtswissenschaft um 1900. Im Fokus stehen die Entstehung neuer Teildisziplinen, der Wandel des Selbstverständnisses etablierter Fächer sowie grundlegende Debatten in Rechtsphilosophie, Rechtstheorie und Rechtssoziologie, die den Weg zu einer pluralen Rechtswissenschaft prägten.

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