Strukturelles Vergessen des jüdischen Rechtsdenkens im Völkerrechtsverständnis der Zwischenkriegsjahre

Promotionsvorhaben

Wie der Fisch, der das Wasser, in dem er lebt, als die einzig mögliche Bedingung allen Lebens erachtet, scheint auch das im Westen vorherrschende Rechtsdenken, bestimmte Strukturen des Denkens als die einzig mögliche Bedingung der Existenz alles rechtlichen Denkens zu erachten – und wie der Fisch von seinen tatsächlichen Seins Bedingungen im Wasser auf den Horizont aller möglichen Seins Bedingungen schließt, schließt das im Westen vorherrschende Rechtsdenken von seinen tatsächlichen Seins Bedingungen auf den Horizont des Möglichen. Dieser Horizont der möglichen Arten, Recht zu denken, bestimmt den Rahmen für die Verarbeitung der Strukturen abweichenden Rechtsdenkens mit dem Ergebnis, dass die Schwerpunktsetzung in der Verarbeitung des abweichenden Rechtsdenkens auf dem Horizont des Möglichen liegt. Mit anderen Worten: Wenn der Fisch das Leben des Elefanten betrachtet, verkürzt er die gesamte Existenz des Elefanten auf sein Dasein im Wasser.

Betrachtet man vor dem Hintergrund dieser Überlegung die Anzahl und Bedeutung einiger deutsch-jüdischer Völkerrechtstheoretiker der Zwischenkriegsjahre, stellt sich die Frage, inwieweit in den jeweiligen Völkerrechtstheorien unter anderem auch eine spezifisch jüdische Art, Recht zu denken, zum Ausdruck kommt, die jedoch in der Rezeption dieser Theorien verloren gegangen ist.
Ein Teil des Projekts untersucht hierfür zunächst die unterschiedlichen gedanklichen Strukturen, die den Horizont des Möglichen abstecken, und geht der Frage nach, inwieweit sich im westeuropäischen Raum eine vorherrschende christlich geprägte gedankliche Struktur der Art, Recht zu denken, ausgebildet hat, die eine jüdische Art, Recht zu denken, nicht bzw. nicht vollständig verarbeiten kann. Die Unfähigkeit, diese abweichenden Strukturen zu verarbeiten bzw. überhaupt zu erfassen, kann zu einer Reduktion dieser Strukturen auf die eigenen führen und so jüdisches Denken aus der Rezeptionskultur im europäischen Raum ausschließen. Alles, was nach einer Rezeption der jüdischen Idee von Recht durch die Brille der vorherrschenden Idee verbleibt, sind Schatten dieser jüdischen Idee, die den vorherrschenden Strukturen entsprechen. Jüdisches Rechtsdenken als ein Ansatz Völkerrecht zu denken wird so dem strukturellen Vergessen überantwortet.

Das Projekt widmet sich eingehend der Struktur der gedanklichen Prägung von Autor*innen und Rezipierenden, um in der Rezeption die, unverarbeitbaren Strukturen zu identifizieren. Die Untersuchung liefert so Einblicke in das Verhältnis von Rezipierenden zur Quelle und einen methodischen Ansatz für den Umgang mit deutschjüdischen Völkerrechtstheorien. Hierdurch soll die Möglichkeit einer Lesart dieser Theorien geschaffen werden, die einen Schwerpunkt auf das bisher Übersehene legt.

Zur Redakteursansicht