Unterwegs von der Neuen Welt nach Rom  Das Logbuch des jesuitischen Prokurators Miguel de Viñas und seine unvollendete Reise (1677-1698)

Unterwegs von der Neuen Welt nach Rom
Das Logbuch des jesuitischen Prokurators Miguel de Viñas und seine unvollendete Reise (1677-1698)

Gemeinschaftsprojekt

Im Archivo del Colegio San Ignacio de Santiago de Chile – eines der Archive der heutigen chilenischen Provinz der Gesellschaft Jesu – wird ein Band sui generis in Bezug auf den lokalen archivalischen Kontext aufbewahrt. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Dokumenten, die mit dem spanischen Jesuiten Miguel de Viñas verbunden sind, zwischen 1677 und 1698 datieren und deren modernes Verzeichnis von dem jesuitischen Historiker Walter Hanisch (1916-2001) erstellt wurde. Dieser Historiker ordnete die Unterlagen nicht nur chronologisch, sondern fügte der Liste auch mehrere Quellen hinzu, um eine, wie es scheint, mögliche Forschungsrichtung  zu ergänzen, die er nie vollendete.

Den Jesuiten Miguel de Viñas zu analysieren ist gewiss interessant. Er wurde 1642 in Martorell (Barcelona) geboren, ein Jahr nach der Plünderung und dem Brand der Stadt zur Zeit des Schnitteraufstands (Guerra dels Segadors) gegen die Herrschaft Philipps IV., und erhielt seine Bildung in Tarragona. Er kam 1671 als Novize nach Peru, wo er seine gesamte Ausbildung am Colegio de San Pablo erhielt. Im Jahr 1680 reiste er nach Santiago de Chile als Professor für Philosophie und Theologie des Colegio Máximo de San Miguel, an dem er Prorektor und Rektor war (1682-1694). In diesem Sinne entwickelte er sich rasch und vielleicht auch dank des guten Rufes der Jesuiten in der Stadt Santiago zu einer vertrauenswürdigen Person, und das inmitten einer sozialen und politischen Region wie der chilenischen, welche unter der Herrschaft von Francisco de Meneses (1664-1667) und Juan Henríquez (1670-1682) zahlreiche Fälle und Skandale von Korruption und Vetternwirtschaft erlitten hatte. Er wurde sogar 1688 vom Bischof Bernardo Carrasco de Saavedra zum Konsultor der Synode von Santiago berufen. Im Jahr 1694 wurde er von der I. Provinzkongregation zum Prokurator ernannt, um an der XV. Generalkongregation der Jesuiten in Rom teilzunehmen. Viñas konnte seine Reise nach Rom nicht in die Tat umsetzen, wahrscheinlich um der Suche nach Missionaren für die Provinz Chile Vorrang zu geben. Er kehrte im April 1699 mit 36 neuen Missionaren nach Santiago zurück.

Das Werk, das im Zentrum dieses Projektes steht, setzt sich aus zahlreichen Dokumenten, Originalen wie Kopien, unterschiedlichster Art zusammen, die von verschiedenen Autoren und mit unterschiedlichen Absichten verfasst wurden; Absichten, die zudem die Zeit überwinden, in die die Reise von Miguel de Viñas fällt, und die sie mit der unsere Zeit und mit dem Schreibtisch eines Historikers verbindet, der sie ins Zentrum einer historischen Analyse gestellt hat. Auf seinen 189 Folien enthält der Band königliche Erlassen, Briefe von Bischöfen und Gouverneuren, Briefe an den König, Poderes und Instruktionen für die Prokuratoren, die nach Rom reisten, Ordnungen, Dispensen und Bestimmungen der Jesuiten, Schriften an den Indienrat und dessen Dekrete, Patentbriefe, Lizenzen und noch weitere Arten von Dokumenten füllen die handgeschriebenen Blätter des Bandes. Es handelt sich um eine geordnete Zusammenstellung von Dokumenten, die der Jesuitenprokurator auf seiner Reise ansammelte, während er zwischen weit entfernten, unterschiedlichen und doch gleichzeitig verbundenen Orten unterwegs war, und die er nach Santiago zurückbrachte, mit der Absicht, wie wir es verstehen, Bericht zu erstatten über das, was er in Europa und während der Reise ausgeführt hatte. In diesem Sinne kann der Band als eine “Aufzeichnung aller Dokumente und Instruktionen seiner Reise”, wie es die Beschreibung des Bandes im Katalog von Hanisch ausdrückt, oder als “Logbuch” von Miguel de Viñas’ Reise zwischen Amerika und Europa betrachtet werden.

Die Beschaffenheit der Dokumente erlaubt es jedoch, mit unserer Interpretation noch einen Schritt weiter zu gehen. Es handelt sich tatsächlich um juristische Dokumente, die die einzelnen Phasen von Viñas’ Mission in Amerika und Europa regeln: Sie erteilen Vollmachten, übertragen Aufgaben, definieren Funktionen, Verantwortlichkeiten und Pflichten, legen Rechte und Privilegien fest, schützen persönliche und kollektive Interessen und ermöglichen ebenjene Durchführung der Reise gemäß der Normen und Gebräuche, die in der komplexen und vielfältigen atlantischen Welt wirken.

Die religiösen Prokuratoren, obwohl von der Geschichtsschreibung wenig untersucht, spielten eine grundlegende Rolle als Repräsentanten ihrer Orden oder ihrer Bischöfe in Spanien oder in Rom, wo sie als Vermittler, politische und geschäftliche Vertreter sowie als Überbringer von Dokumenten zwischen Europa und der Neuen Welt fungierten und zur Schaffung von sowohl institutionellen wie auch informellen Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen der Monarchie und jenseits der Monarchie beitrugen. Zudem erfüllten sie auf ihren Reisen die Funktion, verschiedene Institutionen zu verbinden, Informationen und Wissen in Umlauf zu bringen sowie den Ablauf juristischer Prozesse und wirtschaftlicher und politischer Verhandlungen auf unterschiedlichen Ebenen zu ermöglichen. Und schließlich hatten sie auch eigene Interessen oder kümmerten sich um die ihrer Angehörigen. Viñas gelang es beispielsweise, 1709 in Genua ein dreibändiges Buch zu veröffentlichen, Philosophia Scholastica, welches später an das Colegio Máximo der Gesellschaft Jesu in Santiago geschickt wurde. Anhand der vielfältigen Schriften, die von Miguel de Viñas zusammengetragen wurden, soll dieses Projekt die komplexen Verbindungen zwischen seiner Rolle als Jesuitenprokurator und Sammler von Dokumenten auf seiner Reise zwischen Europa und Amerika am Ende des 17. Jahrhunderts analysieren. Auf diese Weise, indem wir den Aufbau dieser Art von Dokumenten untersuchen, können wir näher betrachten, wie jene Vertreter die sich im Atlantikraum in Umlauf befindlichen Personen, Funktionen und Kenntnisse miteinander verbanden.

Viñas’ Reise war nichts Außergewöhnliches, sie kann im Gegenteil als einer der für die Zeit typischen institutionellen Kontakte angesehen werden. Dennoch können die im Archivo del Colegio de San Ignacio in Santiago aufbewahrten Dokumente aufgrund der Vollständigkeit der Sammlung und der Beschaffenheit ebenjener Dokumente, die es uns erlauben, die Mission der Jesuiten und ihre juristischen, administrativen und politischen Auswirkungen im Detail zu analysieren, als außergewöhnlich bezeichnet werden. Es ist ein corpus, der uns – jenseits aller Normen – zu den Normen und besonders zu den administrativen Praktiken der Gesellschaft Jesu und anderer Institutionen sowie zu dem Verhältnis der Akteure zu den unterschiedlichen Institutionen zurückführt.

Das hauptsächliche Ergebnis des Projektes wird die Publikation einer kritischen Edition des corpus der mit der Reise des Miguel de Viñas zusammenhängenden Dokumente sein, gestützt auf die Transkription des in Santiago aufbewahrten Manuskriptes. Hinzu kommen einige wissenschaftliche Aufsätze zur Person des Miguel de Viñas und anderer Prokuratoren, die in der frühen Neuzeit zwischen der Alten und Neuen Welt agierten.


Bild: Map of South America (Amsterdam 1706, JCB Map Collection) and a section of the work “Toda la documentación pertinente a su viaje a Roma, 1692-1697, como procurador de la Provincia” preserved at the Archivo Colegio San Ignacio (ACSI), Santiago de Chile (2/I/313/carp. 01, f. 15r). Image design by Alexandra Anokhina.

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