Philantropie, Verwaltung und Recht im Britischen Empire des 19. Jahrhunderts

Forschungsprojekt

Das 19. Jahrhundert sah einen zunehmenden Einfluss einzelner Philanthropen und eines breiteren philanthropischen Diskurses auf die britische imperiale Politik. Dieser lässt sich besonders in den 1830ern beobachten. In dieser Dekade wurden Sklavenhandel und Sklaverei abgeschafft, entschiedene Schritte zur christlichen Missionierung in Indien unternommen und das Amt von ‚Protektoren‘ für die indigenen Bevölkerungen Australiens, Neuseelands und der Kapkolonie geschaffen. Die philanthropischen Anliegen hatten allerdings auch Auswirkungen innerhalb Großbritanniens, da dieselben Frauen und Männer, die sich für Emanzipation, Missionierung und Schutz der indigenen Bevölkerung im Ausland einsetzten, sich auch zuhause in Komitees für die Entlastung, Bildung und Pflege der unteren Schichten und der Arbeiterklasse engagierten.

Das Projekt geht davon aus, dass die Disziplinierung der Armen und der Arbeiter im Inneren und die angebliche ‚Verbesserung‘ der Kolonisierten zwei Gesichter derselben Medaille waren, die dieselben sozialen Bedenken betraf. Es untersucht deswegen die Philanthropie nicht als eine private, moralische Beziehung zwischen Wohlhabenden und Bedürftigen, sondern als Teil der britischen imperialen Verwaltung, der öffentliche Relevanz und transnationale Wirkung hatte. Indem die Philanthropen Abgeordnete der Houses of Parliament und das Colonial Office beeinflussten, wirkten sie im pan-imperialen Rahmen auf die staatliche Politik, den Gesetzgebungsprozess und die Judikative ein. Sie veranlassten die Gründung von parlamentarisch gewählten Komitees und Untersuchungskommissionen und gewährleisteten auf diese Weise die Zustimmung zu neuen epochalen Rechtsakten.

Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern die philanthropischen Ideen von Humanität und Reform Aufnahme in Sprache und Praxis der britischen imperialen Verwaltung fanden. Zu diesem Zweck werden einige einflussreiche Philanthropen (bspw. Quaker William Alan), transnationale philanthropische Gruppen (bspw. the Aborigines Protection Society und die Heilsarmee) und bekannte Kolonialgouverneure (bspw. Lord Elgin, Henry Barkly, George Grey, John Pope-Hennessy) in den Blick genommen. Sie alle sahen sich und ihr Amt, während sie regierten bzw. sich vorübergehend an in den Kolonien oder anderen nicht-kolonialen Orten aufhielten, in einer moralischen und ,zivilisatorischen‘ Verantwortung. Indem es die Relevanz identischer sozialer Probleme und ähnlicher philanthropischer Lösungen in unterschiedlichen und teilweise weit voneinander entfernten Orten untersucht, ermöglicht das Projekt, die Vernetztheit des britischen imperialen Gefüges aus einer transnationalen und vergleichenden Perspektive zu betrachten.

Ziel ist es, die zentrale Funktion der Philanthropie für die britische imperiale Herrschaft des 19. Jahrhunderts herauszustellen. Dabei wurden universelle Prinzipien im Lichte des lokalen und transnationalen Bedürfnisses nach sozialer Ordnung angepasst. Die ‘Liebe zum Menschen‘ bedeutete tatsächlich, ihn zu regieren und zu disziplinieren, und die Mission zur Disziplinierung machte ausgiebig Gebrauch vom Recht.

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