German Identity, Intermarriage, and Divorce in Colonial Samoa (1900–1914)
Julia S. Hütten
Global Perspectives on Legal History 27
Frankfurt am Main: Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie 2025. XV, 190 S.
Online-Ausgabe: Open Access (PDF-Download, Lizenz: Creative Commons CC BY 4.0 International)
Druckausgabe: 18,21 € (Print on Demand bei ePubli)
ISSN 2196-9752
ISBN 978-3-944773-52-0
eISBN 978-3-944773-53-7
Zitatlink für die Online-Ausgabe: http://dx.doi.org/10.12946/gplh27
Deutschlands koloniale Vergangenheit steht wieder im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Dieses Buch leistet dazu einen Beitrag, indem es untersucht, wie während der deutschen Herrschaft in Samoa (1900–1914) Familienrecht als Mittel der Kolonialverwaltung eingesetzt wurde. Anhand der Aspekte Ehe, Scheidung, Staatsangehörigkeit, Abstammung und Unterhalt zeigt Julia Hütten, wie Regeln über den höchstpersönlichen Lebensbereich zu Instrumenten kolonialer Herrschaft wurden und zugleich Vorstellungen von „Deutschtum“ spiegelten.
Als 1900 in Apia die kaiserliche Flagge gehisst wurde, waren interethnische Familien bereits Teil der samoanischen Gesellschaft. Die neue Regierung versuchte, den jeweiligen Rechtsstatus der Bevölkerung in zwei Begriffen zu fassen: „Ausländer“ und „Eingeborene“. Menschen gemischter Herkunft passten jedoch selten eindeutig in eine der Kategorien. Das erst kurz zuvor in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch verlieh ausländischen Ehefrauen deutscher Männer die deutsche Staatsangehörigkeit. Viele langjährige Partnerschaften in Samoa waren allerdings nie als Zivilehen registriert worden. Die Kolonialverwaltung beschloss ein Verbot künftiger „Mischehen“ und legte eine „Mischlingsliste“ für Kinder aus nicht anerkannten Ehen an, womit sie den Geltungsbereich der ausländischen Gerichtsbarkeit ausweitete. 1912 verschärfte sich mit dem Verbot von „Mischehen“ die Grenzziehung weiter.
Das Verschuldensprinzip bei Scheidungsverfahren war in der samoanischen Tradition unbekannt und erschütterte Familien, da es Ehepartner zwang, Schuld zuzuschreiben und ihr Privatleben vor Behörden offenzulegen. Diese Eingriffe waren keine bloße Übertragung von Recht aus dem „Mutterland“; sie standen vielmehr in Wechselwirkung mit samoanischen Bräuchen, missionarischen Einflüssen und lokalem Wissen, was zu Ergebnissen führte, die zwischen Beamten, Klägern und Gemeinschaften ausgehandelt wurden.
Die im Buch untersuchten Fälle und Praktiken deutscher Herrschaft in Samoa zeigen, wie Kolonialrecht ethnische Grenzziehungen festlegte, Zugehörigkeit definierte und das Leben deutsch-samoanischer Familien beeinflusste. Zugleich richtet die Studie den Blick auf die Ängste des Kaiserreichs in Bezug auf „Rasse“ und Ansehen, verwaltungsrechtliches Improvisieren an der imperialen Peripherie und die umkämpften Bedeutungen von Staatsbürgerschaft in einer pluralen Rechtsordnung.
Inhalt
XI Foreword
XXV List of Charts, Tables and Images
1 Introduction
Chapter 1
9 Samoa, Pearl of the South Sea
10 1.1
Morality and the Samoan climate
15 1.2
European contact and the matai political system
Chapter 2
27 German Identity and Colonialism
34 2.1
Samoan courtship ans marriage
38 2.2
Taupou, abstinence, and women’s sexuality
43 2.3
Marriage of Samoans in the Western manner
47 2.4
Marriage under German law
49 2.5
Marriages between Samoans and Chinese
Chapter 3
53 Breaking Up Families: The Ban on Interethnic Marriage
54 3.1.
Changing views on race and ethnicity
59 3.2
Citizenship law and Deutschtum
63 3.3
The example set by German Southwest Africa
67 3.4
Defining the legal classification »native« in the German colonies
75 3.5
The Mischehenverbot in Samoa
80 3.6
Planning the Mischehenverbot
89 Chapter 4
89 4.1
New policies in the regulation of divorce in the German empire
94 4.2
Application of family law from the BGB in Samoa
99 4.3
Grounds for divorce under the BGB
101 4.4
Divorces among the faʻa papālagi
126 4.5
Divorces among Samoans in the German courts
131 4.6
Women’s testimony in divorce
133 4.7
A change of stance of Governor Solf in 1907?
134 4.8
Maintenance
137 4.9
Maintenance of illegitimate children
139 4.10
Maintenance aer the 1912 Mischehenverbot
142 4.11
Samoan divorce cases (a selection)
146 4.12
The case of Blanche Reid and the »Lifestyle Test«
155 4.13
Why the »Lifestyle Test ?«
155 4.14
The German interracial marriage debate (Mischehendebatte) in May 1912
167 Conclusion
171 Appendix I:
Samoan terms
173 Appendix II:
Translation of Dr. Wilhelm Solf’s opening statement to the German parliament (May 2, 1912)
177 Bibliography
191 About the Author