Wo das Recht sichtbar wird
Daniel Damler sucht das Normative dort, wo es sich nicht als Recht zu erkennen gibt, wo es räumlich und bildlich wird. Für seine Forschungsprojekte blickt von den Sitzungszimmern von Vorständen und Aufsichtsräten auf das Recht in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Architektur und deutet die fiktive Welt Gotham Citys, Batcave und Wayne Manor eingeschlossen, als visuelles Signet des Ausnahmezustands.
Sein jüngstes Projekt gilt Gonzalo Fernández de Oviedo (1478 bis 1557), Chronist der Conquista, Höfling und Notar, den Alexander von Humboldt als Plinius der Neuen Welt verehrte. Damler untersucht dessen Leben und Werk und zugleich sein programmatisches Ringen um Wahrheit und Wirklichkeit. Herausgekommen sind zwei Bücher: der Roman "Masaya", am 17. Juli 2026 bei Rowohlt Berlin erschienen, und der Bildband "Mundus Novus", im selben Jahr bei Klostermann.
Warum keine Monografie, die im Regal auf ihr Fachpublikum wartet? Damler ist assoziierter Wissenschaftler am mpilhlt-Forschungsfeld "Transmedia HistoryTelling", das auf narrative und graphisch-bildliche Zugänge setzt, um neue Wege der Vermittlung rechtshistorischer Inhalte zu erschließen.
Wir haben ihn gefragt, woran sich entscheidet, ob ein unkonventioneller Gegenstand rechtshistorisch trägt. Und was ein Forschungsprojekt gewinnt, wenn es seine Ergebnisse als Roman veröffentlicht.
Die Sitzungszimmer von Vorständen und Aufsichtsräten, Gothams Filmarchitektur als Signatur des Ausnahmezustands, ein Chronist der Conquista, der mit Text-Bild-Arrangements experimentierte: In all diesen Fällen sitzt das Normative dort, wo es nicht kodifiziert ist – und dennoch räumlich erkennbar ist. Suchen Sie solche Gegenstände gezielt, oder stolpern Sie über sie? Und woran erkennen Sie, was davon für rechtshistorische Forschung tragfähig ist und nicht bloß originell ist?
Beides trifft zu: Ich bin immer auf der Suche nach Themen, die bestimmte Kriterien erfüllen, aber eine systematische Suche lässt sich angesichts der Bandbreite denkbarer Sujets nicht durchführen. Die meisten Funde sind daher Zufallsfunde. Hat man einen historischen Stoff „entdeckt“, der prima facie in Betracht kommt, beginnt die eigentliche Arbeit. Jetzt muss sich erweisen, ob die Thesen mit der Wirklichkeit, so wie sie sich in den Quellen darstellt, in Einklang zu bringen sind. In der Regel kann das Projekt diese Hürde nicht nehmen und scheitert, weil sich Belege nicht finden lassen. Das kann und darf aber auch gar nicht anders sein. Ohne die Bereitschaft, einen Friedhof origineller, aber leider nicht verifizierbarer Gedanken zu hinterlassen, wird man nicht überzeugen können. Das bedeutet freilich keineswegs, dass Spekulationen per se geschichtswissenschaftlich unzulässig sind, nur müssen sie als solche erkennbar sein und zumindest auf plausiblen Annahmen beruhen.
Oviedo ist als Quelle gut erschlossen, ein Aufsatz oder eine Monografie wäre der naheliegende Weg gewesen. Was an diesem Stoff war einer wissenschaftlichen Darstellung nicht zugänglich und musste erzählt werden?
Zu Oviedo gibt es Forschungsliteratur. Das stimmt. Als „gut erschlossen“ würde ich sein Leben und Werk aber nicht bezeichnen. Es gibt ja noch nicht einmal brauchbare kritische Editionen seiner Texte. Ein Forschungsvorhaben, das die vielen offenen Fragen klärt, wäre sehr wünschenswert. Wissenschaftliche Monografien sind unersetzlich. Der These, dass der Romancier der bessere Historiker sei, kann ich nicht viel abgewinnen. Aber historische Romane können im Einzelfall wichtige Anregungen geben und den Weg hin zu einer „histoire totale“ ebnen. Der Schriftsteller ist gezwungen, sich in den Alltag der Protagonisten in seiner ganzen Vielstimmigkeit und Absurdität zu vertiefen, und deckt dabei möglicherweise Zusammenhänge auf, die der Autor einer wissenschaftlichen Monografie übersieht, weil er in der Regel keine Tagesabläufe schildert und sich auf intellektuelle Interaktionen konzentriert.
Was meine Erzählung „Masaya“ im Besonderen anbelangt, so liegen die Dinge komplizierter. In gewisser Weise handelt es sich um einen anti-historischen Roman, weil er viele phantastische Elemente aufweist und dadurch die Erwartungen an das Genre „historischer Roman“ systematisch unterläuft. Andererseits ist gerade das Nicht-unterscheiden-können zwischen Phantasie und Wahrheit ein Signet der frühen europäischen Expansion, so dass in einem höheren Sinne „Masaya“ hoffentlich doch einen Beitrag zum Nachempfinden eines historischen Lebensgefühls leistet.
"Masaya" und "Mundus Novus" erscheinen im selben Jahr bei verschiedenen Verlagen. Wie ist die Arbeitsteilung, also welche Einsicht über Oviedo steckt im Bildband, die der Roman nicht transportieren konnte, und umgekehrt?
„Masaya“ vertraut der Kraft des Wortes und enthält bewusst keine Abbildungen. Außerdem ist die Erzählung von Anfang an – wie eben dargelegt – nicht der Darstellung einer „authentischen“ geschichtlichen Wirklichkeit verpflichtet, jedenfalls nicht in einem vordergründigen Sinne. „Mundus Novus“ trägt dem Umstand Rechnung, dass Leben und Werk Oviedos von einem Bedürfnis nach Bildern durchdrungen sind, von einem Verlangen, das Unerhörte, was er in Italien und Übersee gesehen und erlebt hat, nicht nur in Worte zu bannen. Der Band vollzieht also Oviedos Visualisierungsstrategien nach. Ein Buch wie „Masaya“ kann das nur unzureichend leisten.
„Masaya“ handelt von einem Mann, der lebenslang um die Beglaubigung von Tatsachen gerungen hat. Dabei muss der Roman genrebedingt stellenweise improvisieren und frei erfinden. Ist diese Spannung ein Nebeneffekt der Gattung oder das eigentliche Argument? Gibt es eine Szene, die erfunden wirkt und belegt ist?
In der Tat hat Umberto Eco, wenn ich mich richtig erinnere, einmal gesagt, dass viele Leser von „Der Namen der Rose“ historisch belegte Szenen für Fiktion hielten und umgekehrt solche, die Eco frei erfunden hatte, für geschichtlich zutreffend. Das Phänomen wird sich bei der Lektüre von „Masaya“ in dieser Form wohl nicht wiederholen, weil das literarische Spiel mit Wahrheit und Unwahrheit von Anfang an zu offenkundig ist. Das schließt natürlich nicht aus, dass in dem einen oder anderen Fall das vermeintlich Fiktive gar nicht so fiktiv ist. Beispielsweise hat eine Begegnung zwischen dem jungen Oviedo und Leonardo da Vinci wohl tatsächlich stattgefunden, zumindest nach dem Zeugnis von Oviedo selbst. Man ist geneigt, ein solches Zusammentreffen für ein Hirngespinst zu halten, da Leonardos Kosmos, die italienische Hochrenaissance, gewöhnlich nicht mit den nahezu parallelen Ereignissen in Übersee in Verbindung gebracht wird. Diese beiden Welten erscheinen in vielen geschichtlichen Darstellungen als völlig isoliert voneinander, so wie das Leben auf unterschiedlichen Planeten, obwohl – wie der Fall Oviedo zeigt – es in Wahrheit zahllose Wechselwirkungen gab.
Ein Roman verlangt Dinge, die einem wissenschaftlichen Text verboten sind: eine Szene ausschmücken, eine Figur erfinden, eine Lücke schließen, statt sie auszuweisen. Was ist Ihnen dabei am schwersten gefallen, und hat Ihnen die Arbeit am Roman rückblickend etwas über das wissenschaftliche Schreiben gezeigt?
Freiheit ist niemals anspruchslos – auch nicht beim Schreiben. Natürlich bedeutet es Mühe und Arbeit, in Archive zu gehen und dort wochenlang Dokumente zu studieren. Wenn man dann aber die Tatsachen ermittelt hat, ergibt sich daraus so etwas wie eine Struktur, die Orientierung und Halt bietet. Diese Sicherheit hat der Schöpfer fiktiver Welten nicht. Ihm stehen bedeutend mehr Optionen offen, aber genau darin besteht die Schwierigkeit. Er kann sehr viel richtig, aber leider auch sehr viel falsch machen, etwa wenn er durch eine ungeschickte Abfolge der Handlungen und Gespräche die Pointe des Buches ruiniert. Wenn sich hingegen die geschichtliche Wirklichkeit eine Pointe entgehen lässt, dann ist das eben so und nicht die Schuld des Historikers. In „Masaya“ kommen die Herausforderungen, die dem fiktiven Erzählen eigen sind, übrigens zur Sprache, da Oviedo – eigentlich Notar und der Wahrheit verpflichtet – glaubt, einen Ritterroman schreiben zu müssen, was ihm dann nur unter großen Anstrengungen gelingt.